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Halbzeit. Fast. Und drei Monate fühlen sich surreal an; als hätte jemand mit dem Finger geschnipst.

Wo mein Kopf steht? Keine Ahnung. Indien fühlt sich wie eine Achterbahnfahrt an. Situationen und Gefühle überschlagen sich. Konstant. Immer wieder. 

Ich habe mich zwar eingelebt, mein Alltag hat Form und Farbe angenommen, aber Indien bleibt Indien. In einer anderen Kultur seinen Platz zu finden, fordert und verlangt Rücksicht, Umsicht und Bereitschaft sich anzupassen, sich auf Unbekanntes einzulassen und seine eigenen Werte bzw. Ansichten zurückzustellen.

Kompromisse einzugehen, sich voll und ganz auf Indien einzulassen ist nicht immer einfach für mich. Besonders in den letzten Wochen wurde mir bewusst, dass ich unterschätzt habe, wie meine Zeit hier davon beeinflusst wird. Da sind nicht nur die Aufgaben in der Organisation, sondern nebenbei schreibe ich unter anderem auch an meiner Universitätsbewerbung. Dementsprechend bin ich mit meinen Gedanken oft woanders.

Unabhängig von überall zu arbeiten, zu skypen und verfügbar zu sein, hat wahnsinnig viele Vorteile und zeigt mir, wie Arbeiten ebenfalls funktionieren kann. Doch hält es auch davon ab, einer Sache die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Daran zu arbeiten ist definitiv nicht leicht. Man muss sich disziplinieren und sich seiner Prioritäten klar werden; eben lernen das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. 

Das zu realisieren ist genauso wichtig wie sich einzugestehen, dass man scheitern kann und manche Projektideen nicht funktionieren (werden). Das ist der Grund, warum Mareike und ich nicht mehr in eine öffentliche Schule gehen, um Englisch zu unterrichten. Die wenigen Male zeigten bereits, dass wir durch den häufigen Unterrichtsausfall aufgrund von Feiertagen etc. schwer auf Gelerntes aufbauen können. So lässt sich nicht der Ansatz einer Struktur beibehalten, zumal immer wieder Schüler*innen fehlten oder andere dazu stießen. 

Wir haben es uns nicht leicht gemacht, den Unterricht aufzugeben. Denn die Umstände sprechen dagegen. Viele der Kinder kommen aus den umliegenden Slums, haben oft nur durch den Unterricht die Möglichkeit aus den gewohnten Strukturen auszubrechen und sich weiterzubilden. Selbst die öffentlichen Schulen haben Schwierigkeiten sich zu erhalten, da Gelder und Lehrkräfte fehlen; die Schüler*innen oft nur unregelmäßig zum Unterricht kommen. 

Sobald Eltern ein entsprechendes Einkommen haben, werden die Jüngsten auf die Privatschule geschickt. Das sorgt dafür, dass Bildungseinrichtungen der Regierung immer mehr in Verruf geraten. Sie werden als Schulen der sozialen Schwachen angesehen werden, weil sich die Familien keine bessere Alternative für ihre Kinder leisten können.

Solche Entwicklungen befördern eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und sorgen dafür, dass man sich immer weniger für das Miteinander interessiert oder über seinen eigenen Tellerrand zu schauen versucht. Aus diesem Grund wollte ich der ursprünglichen Idee, trotz meiner Unzufriedenheit, noch eine zweite Chance geben. Denn durch unser Vor-Ort-Sein hatten wir die Möglichkeit, der Klasse zu zeigen, wie wichtig es ist, sich mit der Vielfalt von Sprachen, Herkunft und Kultur auseinanderzusetzen. Durch solche simplen Begegnungen können die Kinder ihren persönlichen Horizont erweitern.

Früher oder erst später aufhören? Wir sind ja nur für eine begrenzte Zeit in Nagpur. Wer unterrichtet an unserer Stelle die Klasse in Englisch? Aber nur die Kinder zu bespaßen, mir irgendeine Beschäftigung auszudenken – das war nicht mein Anspruch. Das würde so auf Dauer nicht funktionieren. Deshalb ließen wir den Direktor wissen, dass diese Idee langfristig nicht bestehen würde. 

Ja, das ist schade. Es ist unangenehm für alle Beteiligten und trifft am Ende die Kinder, die am wenigsten etwas für die jetzige Situation können. Meiner Meinung nach muss Veränderung von innen heraus passieren. Ich, als deutsche Freiwillige, bin nicht in der Position strukturellen Wandel zu verantworten. Das ist Aufgabe des Schulleiters.

Situationen wie diese sind Teil des meines Lernens und gehören dazu.

Dennoch. Wenn ich mich an die Ereignisse und Erlebnisse der letzten Wochen erinnere, wird mir warm ums Herz. 

Das liegt vor allem daran, dass wir reisten, Nagpur verließen und uns mit anderen Bildern und Eindrücken vollsaugten. Die Höhlen von Ajanta und Ellora, Teil des UNESCO Weltkulturerbes, sind einfach nur beeindruckend und lassen dich klein und unscheinbar erscheinen. Bedenkt man deren Alter, ihre Dimension, fragt man sich wozu Menschen in der Lage sein können. 

Besonders glücklich machte mich die zufällige Begegnung mit einer älteren Italienerin aus Mailand. Sie erzählte mir von ihren Reisen in Indien und davon wie unsinnig sie Homöopathie fände. Trotz Verständigungsschwierigkeiten – mein Überlebensitalienisch (!) – fühlte sich das Gespräch vertraut an

Dann feierten wir Diwali. Wir hatten die Möglichkeit, uns in Indiens unendlichem Grün und der beruhigten Stille fallen zu lassen. Durchatmen, die Seele baumeln lassen: wir waren bei Leenas Familie auf dem Land zu Gast. Wir aßen ziemlich viele Süßigkeiten aus Kokos, Kondensmilch und Linsen, besuchten den nahegelegenen Tempel, entzündeten unfassbar lautes, aber wunderschönes glitzerndes Feuerwerk. Außerdem hatte ich die Zeit, um das Buch “Gott der kleinen Dinge” zu Ende zu lesen. Es handelt vom Leben im Süden Indiens in Kerala, erzählt vom Kastensystem und den damit verbundenen Strukturen. Sprache und Schreibstil Arundhati Roys malen Bilder in deinem Kopf und lassen dich Teil des Geschehens werden.

Mir Zeit nehmen, Muße zum Tagebuchschreiben zu haben und in der Ruhe still zu werden – das tat gut. Es schien, als sei die Welt für die drei Tage stehen geblieben.

Dann entschied ich spontan nach Mumbai zu fahren. Ich wollte die Metropole der Gegensätze sehen, wenigstens einmal darin eintauchen. Koloniale Vergangenheit im Süden trifft auf gläserne Gebäude in Bandra West: noble Wokrestaurants neben unzählig vielen Straßenständen, die Pani Puri und Bhel Puri frisch zubereiten. Hier zeigt sich wie unterschiedlich Menschen leben können. Züge fuhren durch Dharavi, dem größten Slum Asiens. Gleichzeitig rasten Jaguare und Porsche vorbei, um die Elite der Stadt von A nach B zu kutschieren. Im ehemaligen Bombay bündeln sich die Extreme Indiens und überwältigte mich mit all seinen Facetten. 

Zurück in Nagpur fühle ich mich heimisch, angekommen. Jeden Morgen gehe ich zum Yoga, um mich durchzubewegen, mir meiner Selbst und dem Leben hier bewusst zu werden. Fehle ich, wird gleich nachgefragt warum. Gehe ich auf Reisen, wollen die Frauen wissen wohin. Bin ich zu spät, werde ich von der Yogalehrerin freundlich ermahnt beim nächsten Mal bitte pünktlich zu sein. 

Unter der Woche kümmere ich mich um die Programme von Clean Air Asia, die auf die Luftverschmutzung in der Stadt aufmerksam machen wollen . Ich telefoniere mit Schulen wegen anstehender Umfragen, versuche ich mich an Grafikdesign oder werde von Leena mit Mareike zur Stadtverwaltung genommen, um die Delegation von Karlsruhe zu treffen und an Meetings teilzunehmen, welche sich mit Konzepten für Mobilität, wie Bikesharing, in Nagpur auseinandersetzen. 

An Sonntagen setze ich mich meist in ein Cafe und lese mein Buch, schlafe aus, gehe zum Markt, um Obst zu kaufen, wasche und lebe in den Tag hinein. Der Drang Nagpur und Umgebung zu erkunden ist verschwunden. Stattdessen beginne ich hier zu leben. Ich sehe mich nicht mehr als Gast, mache es mir gemütlich, treffe Bekannte oder Freunde oder erledige Haushaltskram, wie Wäsche waschen. Diese Normalität fühlt sich gut an. Irgendwie echt und unaufgeregt.

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